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„Vergessen darf kein Tabu sein“ – Demenz Dolmetscherin Marina Moyses im Gespräch bei MEMO

19.02.2026

Demenz betrifft nicht nur jene Menschen, die die Diagnose erhalten, sondern ganze Familien – und letztlich die gesamte Gesellschaft. In der MEMO-Sendung auf Radio MORA war kürzlich Marina Moyses zu Gast. Die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin sowie zertifizierte Demenzberaterin bezeichnet sich selbst als „Demenz Dolmetscherin“. Ihr Anliegen: Verständnis schaffen, Brücken bauen und neue Perspektiven im Umgang mit der Erkrankung eröffnen.

Seit fast 30 Jahren arbeitet Marina Moyses im Pflegebereich. Ihr Weg führte sie von der Hauskrankenpflege über Rehazentren und Pflegeeinrichtungen bis in leitende Positionen. Heute ist sie seit acht Jahren selbstständig tätig und betreibt in Donnerskirchen die „Gedächtnisschmiede“, eine Praxis für Beratung, Begleitung und Training.

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Der Begriff „Demenz Dolmetscherin“ ist für sie mehr als ein Bild. „Ich übersetze Verhaltensveränderungen und Missverständnisse“, erklärt sie. Wenn Menschen durch die Erkrankung Worte verlieren oder Handlungen nicht mehr richtig einordnen können, entstehen oft Konflikte im Alltag. Angehörige reagieren mit Sorge – manchmal auch mit Ungeduld. Hier setzt Moyses an: Sie hilft, das Verhalten einzuordnen und nicht vorschnell zu bewerten.

Ein Beispiel: Wenn ein alleinlebender Vater zunehmend Geschirr stehen lässt oder Zeitungen stapelt, wird rasch von „Messie-Verhalten“ gesprochen. Tatsächlich kann es sein, dass die Fähigkeit zur Organisation und zum Entsorgen verloren geht. „Er macht das nicht absichtlich“, betont Moyses. Verständnis statt Vorwurf – das ist ihr zentrales Anliegen.

Demenz ist nicht gleich Altern

In einfachen Worten beschreibt sie Demenz als Absterben von Nervenzellen und deren Verbindungen im Gehirn. Es gibt unterschiedliche Formen, am häufigsten Morbus Alzheimer, daneben etwa vaskuläre oder frontotemporale Demenzformen.

Wichtig ist ihr die Abgrenzung zum „normalen Vergessen“. Mehrfach dieselbe Geschichte zu erzählen oder häufig Dinge zu verlegen, können Warnzeichen sein. „Der Tag der Diagnose ist nicht das Ende, sondern eine Weggabelung“, sagt Moyses. Mit der Diagnose dürfe man Betroffenen nicht automatisch alle Fähigkeiten absprechen. Selbstbestimmung und Teilhabe sollten so lange wie möglich erhalten bleiben.

Personenzentriert statt bevormundend

Ihre Arbeit basiert auf dem personenzentrierten Ansatz nach Tom Kitwood. Dabei steht nicht die Erkrankung im Mittelpunkt, sondern der Mensch. Wenn eine 85-jährige Frau Schwierigkeiten beim Anziehen hat, bedeutet das nicht, dass man ihr wortlos die Kleidung überstreifen sollte. Unterstützung müsse respektvoll angeboten werden – ohne Bevormundung.

Viele Konflikte entstehen genau dort, wo Fürsorge und Autonomie aufeinandertreffen. Moyses moderiert Gespräche zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepartnern oder Geschwistern. Tränen gehören dazu. Doch oft entstehe nach einem offenen Austausch ein neues Miteinander auf Augenhöhe.

Räume ohne Stigma

Neben Beratungen bietet Marina Moyses Gedächtnistraining, Pflegekurse für Angehörige, Stammtische sowie spezielle Gehtrainings an. Letztere kombinieren Bewegung mit kognitiven Aufgaben – etwa Gleichgewichtsübungen mit Wortspielen. Ziel ist es, Körper und Geist gleichzeitig zu fordern.

Ein besonderes Herzensprojekt ist „Museum trotz Demenz“. In Kooperation mit einer Museologin entstehen Veranstaltungen, bei denen Betroffene und Angehörige historische Objekte erleben dürfen – in geschütztem Rahmen, ohne angestarrt zu werden. „Wenn jemand aufsteht und eine Runde spazieren geht, ist das kein Problem“, erzählt Moyses. Solche Räume ermöglichen Teilhabe ohne Scham.

Mehr Offenheit in der Gesellschaft

„Vergessen darf kein Tabu sein“, lautet ihr Appell. Viele Betroffene ziehen sich aus Angst vor Stigmatisierung zurück. Dabei sei soziale Aktivität entscheidend. Vereine, Nachbarschaften und Freundeskreise könnten viel beitragen – etwa durch Erinnerungen an Termine oder das Angebot, jemanden mitzunehmen.

Auch Arbeitgeber sollten sensibel sein. Viele pflegende Angehörige stehen mitten im Berufsleben und stemmen neben Job und eigener Familie eine enorme Zusatzbelastung.

Chancen durch Technik

Neben gesellschaftlicher Offenheit sieht Moyses auch Chancen in technischen Lösungen: Sturzsensoren, intelligente Assistenzsysteme oder digitale Erinnerungsfunktionen können den Alltag erleichtern. Datenschutzfragen müssten diskutiert werden, doch Technik könne helfen, Selbstständigkeit länger zu bewahren.

Am Ende geht es Marina Moyses um eines: Verständnis. Demenz verändert das Leben – aber sie nimmt nicht die Würde. Wenn wir lernen, genauer hinzusehen und zuzuhören, kann aus Unsicherheit Verbundenheit entstehen.


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