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Ein Gedächtnis für die Stadt: Oberpullendorf bekommt ein eigenes Archiv

04.03.2026

In Oberpullendorf entsteht derzeit ein Projekt von besonderer Bedeutung: Ein öffentlich zugängliches Stadtarchiv wird aufgebaut. Was auf den ersten Blick nach einer Sammlung alter Akten klingt, ist in Wirklichkeit weit mehr – es ist das Gedächtnis der Stadt, ein Ort der Identität und der gemeinsamen Erinnerung.

Initiiert wird das Projekt von drei engagierten Frauen: Susanne Moritz, Hilde Mouradkhanian und Elisabeth Horvath. Unterstützt werden sie vom langjährigen Hobbyhistoriker Josef Kraxner, der seit Jahrzehnten Dokumente, Urkunden, Fotos und Karten zur Geschichte von Ober- und Mitterpullendorf sammelt und erforscht.

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Hobbyhistoriker Josef Kraxner mit Vizebürgermeister Dominkovits

Von der Idee zur Umsetzung

Der Anstoß für das Archiv entstand im Zuge der Vorbereitungen zur Ausstellung „800 Jahre Oberpullendorf – 50 Jahre Stadt“. Bei Recherchen im Landesarchiv und beim Durchforsten alter Zeitungen wurde deutlich, wie aufwendig es ist, historische Informationen zusammenzutragen, wenn es keinen zentralen Ort dafür gibt.

„Wie lange sollen wir noch warten?“, war schließlich die Frage, die den Ausschlag gab. Also wurden erste Bestände aus dem Keller des Rathauses geborgen, gesichtet und in die Stadtbibliothek gebracht. Hinzu kamen umfangreiche Materialien aus privaten Sammlungen – unter anderem von Viola Karal, die zahlreiche Fotos und Dokumente zur Verfügung stellte.

Seitdem treffen sich die drei Initiatorinnen regelmäßig, um Fotos zu sortieren, doppelte Aufnahmen auszuscheiden und erste Schritte der Katalogisierung vorzunehmen. Tausende Bilder müssen gesichtet, später digitalisiert und archiviert werden. „Das ist eine Arbeit für Jahrzehnte“, sagt Susanne Moritz. Jeden Dienstagvormittag wird gemeinsam gearbeitet – Schritt für Schritt wächst das Archiv.

Spannende Einblicke in die Geschichte

Josef Kraxner bringt nicht nur seine Sammlung, sondern auch sein umfassendes Wissen ein. Die erste urkundliche Erwähnung Pullendorfs datiert auf das Jahr 1225. Damals war von einem „großen“ und einem „kleinen“ Pullendorf die Rede – dem heutigen Ober- und Mitterpullendorf.

Besonders interessant ist die unterschiedliche historische Entwicklung der beiden Orte: Während Mitterpullendorf lange Zeit eine Untertanengemeinde unter den Esterházy war, galt Oberpullendorf als sogenanntes „Adeliges Pullendorf“. Viele Familien waren direkt dem König verpflichtet und mussten lediglich eine sogenannte Adelstaxe bezahlen.

Mit der Aufhebung der Grundherrschaft 1848 änderte sich die gesellschaftliche Struktur grundlegend. Aus Adeligen und Untertanen wurden Grundbesitzer – die Unterschiede verloren an Bedeutung. Später prägten der Bau von Schule, Spital und Gerichtsgebäude die Entwicklung zur heutigen Bezirkshauptstadt des Mittelburgenlands.

Identität und Verbundenheit

Für Bürgermeister Hannes Heiß ist das Archiv ein wichtiger Beitrag zur Identität der Stadt. „Woher kommen wir? Was war unsere Vergangenheit? Wohin geht die Reise?“ – diese Fragen seien zentral für das Selbstverständnis einer Gemeinde.

Auch Vizebürgermeister Nikolaus Dominkovits (SPÖ) betont die Bedeutung der historischen Aufarbeitung. Gerade für Familien, deren Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, sei es wertvoll, belegbare Dokumente und Urkunden einsehen zu können.

Für Hilde Mouradkhanian hat Geschichte auch eine persönliche Dimension. Wer seine eigene Herkunft kenne, stehe fester im Leben und könne anderen offener begegnen. Geschichte schaffe Verständnis – für die eigene Identität und für die Vielfalt in der Gesellschaft.

Einladung an die Bevölkerung

Das entstehende Archiv wird in der Stadtbibliothek untergebracht und soll der Öffentlichkeit zugänglich sein. Bürgerinnen und Bürger sind eingeladen, alte Fotos, Zeitungen, Dokumente oder Bücher zur Verfügung zu stellen. Alles, was zur Geschichte von Ober- oder Mitterpullendorf beitragen kann, ist willkommen.

Ab Mai ist zudem eine erste thematische Ausstellung geplant: „Das alte Mitterpullendorf“ wird über den Sommer in der Bibliothek zu sehen sein.

Mit dem Aufbau des Stadtarchivs setzt Oberpullendorf einen wichtigen Schritt. Geschichte wird nicht nur bewahrt, sondern sichtbar und erlebbar gemacht – für die Menschen von heute und für kommende Generationen.


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