Asbest im Burgenland: Zwischen akuter Sorge und wissenschaftlicher Einordnung
17.02.2026
Asbest galt über Jahrzehnte als Wundermaterial: hitzebeständig, langlebig und kostengünstig. Heute ist klar, dass freigesetzte und eingeatmete Asbestfasern schwere Erkrankungen wie Lungenkrebs oder Asbestose auslösen können. In Österreich ist Asbest seit 1990 verboten – dennoch ist er in älteren Gebäuden und in bestimmten Gesteinsarten weiterhin vorhanden. Im Burgenland steht das Thema derzeit besonders im Fokus.
Auslöser der aktuellen Debatte war die behördliche Schließung von vier Steinbrüchen in den Bezirken Oberwart und Oberpullendorf. Zuvor waren bei Proben hohe Asbestanteile festgestellt worden. Greenpeace hatte an mehreren Standorten – darunter Spielplätze, Straßenränder und öffentliche Plätze – Material untersucht und nach eigenen Angaben in allen entnommenen Proben Asbest nachgewiesen, teils mit einem Anteil von über 50 Prozent.
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Herwig Schuster, Umweltchemiker bei Greenpeace Österreich, spricht von akutem Handlungsbedarf. Besonders sensibel seien Orte wie Kinderspielplätze, Schulen oder Krankenhäuser. Dort dürfe man nicht auf langfristige Messreihen warten, sondern müsse asbesthaltiges Material umgehend entfernen. Greenpeace kritisiert zudem, dass seit Jahren bekannt sei, dass serpentinitisches Gestein im Südburgenland Asbest enthalten könne. Dennoch sei dieses Material verwendet worden – teilweise ohne ausreichende Information der Bevölkerung. Auch Bauarbeiter könnten unwissentlich exponiert worden sein.

Greenpeace fordert daher einen klaren Maßnahmenplan: Sofortige Entfernung von reinem Asbestgestein an sensiblen Orten, transparente Information darüber, wo das Material eingesetzt wurde, sowie umfassende Luftmessungen. Zudem lädt die Organisation zu Informationsveranstaltungen ein, um Betroffene aufzuklären.
Das Land Burgenland reagierte mit der Einrichtung einer interdisziplinären Taskforce. Geleitet wird sie von Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien. Er betont, dass für die gesundheitliche Bewertung nicht allein der Asbestgehalt im Gestein entscheidend sei, sondern die tatsächliche Faserbelastung in der Atemluft. „Das Risiko entsteht durch das Einatmen feiner Fasern“, so Hutter. Solange Asbest fest im Gestein gebunden sei, bestehe keine unmittelbare Gefahr. Problematisch werde es, wenn Material mechanisch bearbeitet oder stark zerkleinert werde und Fasern freigesetzt würden.
Die Taskforce führt daher Kurz- und Langzeitmessungen durch – an jenen neun Standorten, die von Greenpeace untersucht wurden, sowie im Umfeld der betroffenen Steinbrüche. Dabei werden reale Nutzungssituationen simuliert, etwa das Begehen von mit Streusplitt bedeckten Flächen. Parallel dazu erfolgen Ausbreitungsrechnungen, um die Belastung für Anrainerinnen und Anrainer sowie Beschäftigte abzuschätzen. Erste Ergebnisse der bisherigen Luftmessungen zeigen laut Land keine erhöhten Werte. Weitere Auswertungen werden in den kommenden Wochen erwartet.

Hutter warnt vor überzogenen Darstellungen, die zusätzliche Verunsicherung auslösen könnten. Asbest komme in bestimmten Gesteinsformationen natürlich vor – ähnlich wie Radon in Granitregionen. Erkrankungen seien in der Vergangenheit vor allem bei Menschen aufgetreten, die beruflich über viele Jahre hohen Faserbelastungen ausgesetzt waren. Eine akute Gesundheitsgefahr für die Allgemeinbevölkerung sehe die Taskforce derzeit nicht. Dennoch sei klar: Wo eine Minimierung möglich ist, müsse sie erfolgen. So soll asbesthaltiger Streusplitt künftig nicht mehr im Winterdienst eingesetzt werden.
Greenpeace hingegen hält die Lage für ernster und fordert rasche, sichtbare Maßnahmen. Besonders dort, wo Kinder mit weichen Asbeststeinen spielen könnten, müsse sofort gehandelt werden. Luftmessungen seien wichtig – aber kein Ersatz für unmittelbare Schutzmaßnahmen an sensiblen Orten.
Nach einer Sondersitzung des Landtages bleibt das Thema politisch umstritten. Das Land verweist auf laufende Untersuchungen und fordert vom Bund eine klare gesetzliche Regelung für den Umgang mit natürlich vorkommendem asbesthaltigem Gestein. Greenpeace kritisiert fehlende Transparenz und unzureichende Konsequenzen.
Fest steht: Asbest ist im Burgenland kein neues Phänomen, doch die aktuelle Diskussion hat das Bewusstsein geschärft. Zwischen Vorsorge, wissenschaftlicher Abklärung und politischer Verantwortung gilt es nun, einen Weg zu finden, der Sicherheit schafft – ohne zu verharmlosen, aber auch ohne unnötig zu dramatisieren.
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