„Ungesund“ – Ein Arzt stellt das System in Frage
30.12.2025
Am 20. November fand in der AK-Bücherei Oberwart eine gut besuchte Buchpräsentation statt, die weit über eine klassische Lesung hinausging. Der Arzt und Autor Dr. Lutz Elija Popper stellte sein neues Sachbuch „Ungesund – Anmerkungen eines Arztes zum Gesundheitssystem“ vor – ein persönliches, zugleich gesellschaftskritisches Werk, das zur Diskussion über den Zustand der modernen Medizin anregt. Auch Radio MORA war vor Ort und sprach mit dem Autor über Motivation, Inhalte und Anliegen seines Buches.
Dr. Popper blickt auf mehrere Jahrzehnte medizinischer Tätigkeit zurück – in Spitälern ebenso wie in der Praxis. Nach vielen Jahren in Wien entschied er sich bewusst für den Weg ins Burgenland, wo er in Oberwart lebte und arbeitete. Diese Erfahrungen, gepaart mit Einblicken in große gesundheitspolitische Reformprozesse, bildeten den Nährboden für sein Buch.
„Ungesund“ ist keine Abrechnung, sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme, wie der Autor betont. Popper greift auf über 40 Texte und Beobachtungen zurück, die er über Jahre hinweg gesammelt, überarbeitet und thematisch geordnet hat. Dabei spart er nicht mit Selbstkritik: Fehler, Lernprozesse und persönliche Entwicklungen sind Teil seiner Erzählung.
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Zwischen Technik und Menschlichkeit
Ein zentrales Thema des Buches ist das Spannungsfeld zwischen medizinischer Effizienz und menschlicher Zuwendung. Popper kritisiert, dass im heutigen Gesundheitssystem Zeitmangel, ökonomischer Druck und Bürokratie oft zulasten der persönlichen Beziehung zwischen Arzt und Patient gehen. Medizin werde zunehmend technisch perfekt – verliere dabei aber manchmal den Blick für den Menschen.
Besonders eindrücklich schildert der Autor Situationen, in denen Kommunikation zu kurz kommt: fehlende Gespräche, mangelnde Erklärung von Diagnosen oder das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Diese Erfahrungen macht Popper nicht nur als Arzt, sondern auch als Patient – eine Perspektive, die seine Kritik zusätzlich vertieft.

Patienten im Mittelpunkt
Trotz aller strukturellen Probleme betont Dr. Popper immer wieder, wie dankbar er für die Begegnungen mit Patientinnen und Patienten im Burgenland ist. Gerade diese Nähe habe ihm gezeigt, wie wichtig Vertrauen, Zuhören und Respekt im medizinischen Alltag sind. Gesundheit sei mehr als eine korrekte Diagnose oder erfolgreiche Operation – sie sei immer auch eine Frage von Würde und Beziehung.
Sein Buch plädiert daher für eine menschenzentrierte Medizin, in der Patientinnen und Patienten nicht als „Fälle“, sondern als Individuen wahrgenommen werden. Dazu gehöre auch eine verständliche Sprache, fern von unnötigem Fachjargon. Popper schreibt bewusst so, dass auch Nicht-Medizinerinnen und -Mediziner seine Gedanken nachvollziehen können.
Bildung, Haltung und gesellschaftliche Verantwortung
Im Gespräch bei der Buchpräsentation wurde deutlich, dass Popper die Probleme des Gesundheitssystems nicht isoliert betrachtet. Für ihn hängen medizinische Fragen eng mit Bildung, Demokratie und gesellschaftlicher Haltung zusammen. Menschlichkeit müsse früh gelernt werden – in Familien, Schulen und im öffentlichen Diskurs.
Seit Jahren besucht er Schulen, erzählt von seinem Lebensweg und spricht über Verantwortung, Empathie und den Wert demokratischer Grundhaltungen. Mit Sorge beobachtet er politische Tendenzen, die seiner Meinung nach einfache Antworten auf komplexe Probleme versprechen.
Ein Buch als Einladung zum Dialog
Die Präsentation in der AK-Bücherei Oberwart entwickelte sich rasch zu einer lebendigen Diskussion. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit zum persönlichen Austausch mit dem Autor. „Ungesund“ versteht sich nicht als fertige Lösung, sondern als Einladung zum Nachdenken und Mitreden.
Dr. Popper wünscht sich Leserinnen und Leser, die bereit sind, hinzusehen, Fragen zu stellen und Veränderungen einzufordern – für ein Gesundheitssystem, das technisch kompetent ist, aber den Menschen nie aus dem Blick verliert.
Titelfoto: Karola G von Pexels für Canva.
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